Wie geht es weiter mit der Smartphone-Ära? Blogchat mit Heike Scholz, Gründerin von „mobile zeitgeist“

j

Autoren: Heike Scholz und Bernhard Jodeleit

Über unsere Gast-Gesprächspartnerin Heike Scholz: 2006 gründete Heike mobile zeitgeist und begleitete die mobile Revolution in Deutschland. Heute hilft sie mit ZUKUNFT DES EINKAUFENS dem stationären Handel und Städten bei der Digitalisierung.

 

Heike hat 2006 eine Website zu Mobile gegründet, Bernhard war 1998 bis 2008 leitender Redakteur beim Magazin „connect“. Genug gemeinsame Themen, um sich einmal über den Wandel von Handys zu Smartphones zum omnipräsenten mobilen Internet zu unterhalten – dialogisch als Blogchat.
Liebe Heike, ich danke dir, dass du dabei bist. Ich glaube, wir beide haben die Smartphone-Ära von Anfang an erlebt, noch lange, bevor die verrückten Dinger die Gesellschaft erreicht und verändert haben. Wie fühlst du dich damit?

Altes Samsung-Handy
Damit, dass ich schon so lang dabei bin? Alt! 😀 Und ich erinnere mich noch gut. Als ich 2006 mit dem Bloggen über mobile Technologien angefangen habe, hatten wir ja nichts. Außer Nokia. Mein N96 liegt immer noch bei mir im Schrank und wenn ich mich erinnern möchte, wie es ohne Smartphone ist, nehme ich es einfach kurz in die Hand. An welches Gerät hast Du nostalgische Erinnerungen?

Person mit Bild in den Händen, das angesichts der Position wie ein Smartphone aussieht
Berufsbedingt hatte ich ja extrem viele Geräte im Einsatz. Meine aktive Zeit in der Branche war 1998 bis 2008, das erste Handy hatte ich aber um 1994. Das war der Motorola-Knochen, cooles Teil und auch zur Selbstverteidigung nutzbar bei dem Format und Gewicht. Richtig nützlich war der Nokia Communicator in verschiedenen Versionen, schließlich konnte der auch faxen. Abgefahren fand ich das quadratische Nokia 7600, faszinierend das Siemens SL45 mit MP3. Und ich weiß noch: Als das erste iPhone kam, da war ich total skeptisch. Neumodisches Zeug. Da hatte ich wohl unrecht. Oder doch nicht? Hättest du gedacht, dass Smartphones eine derart große Rolle spielen würden? Und: Ist das gut, dass es so ist?

Ich war mir schon 2005 sicher, dass wir in absehbarer Zeit “Taschen-Computer” haben würden. Die Form konnte ich nicht voraussehen und war auch beim iPhone erst sehr skeptisch. Wir waren doch Tastaturen gewohnt, da konnte doch etwas, das nur ein Display hat, nicht funktionieren! 😉 Die Veränderungen, die nun mit dem Smartphones eingesetzt haben, konnte ich so natürlich nicht vorhersehen. Das konnte niemand damals und auch heute können wir nicht absehen, was noch alles auf uns zukommen wird. Ich finde die Entwicklung super und frage mich immer wieder, was wir früher nur ohne Smartphones gemacht haben. So vieles ist heute so unglaublich bequem, schnell und praktisch. Ich möchte es nicht missen. Heute wird ja viel von “Digital Detox” und Abstinenz geredet. Machst Du da bewusst mit?

Diese Detox-Formulierung finde ich auch recht oberflächlich und zu vereinfachend. Selbst wenn ich wollte wäre das schwierig. Einfach mal drei Tage offline zu sein meine ich mir als Selbstständiger nicht leisten zu können. Ich versuche mich manchen Dingen zu entziehen, indem ich Prioritäten setze. Ich nehme mir auch mal Zeit, um eine Nachricht in Ruhe zu rezipieren. Der Einbau bewusster Denk-Phasen ist schon wichtig bei all dem Pingpong auf den diversen Bildschirmen. Das ist für mich sogar eher Wertschätzung als dieses grundsätzliche “Immer-Sofort-Antworten”. Gehörst du eher zur Sofort-Antworter-Fraktion?

Ich versuche, möglichst zeitnah zu antworten. Kürzer bei Messengern, etwas länger bei Mails. Entscheidend ist aber immer, wer mir schreibt und wie wichtig es für mich oder die andere genau in diesem Moment gerade ist. Unter Druck setzen lasse ich mich meist nicht vom Bimmeln und Vibrieren. Ganz kann man das wohl nicht ausblenden, aber wenn ich gerade mit jemandem im Gespräch bin, schaue ich nicht, wer da gerade etwas von mir möchte. Das wäre respektlos meiner Gesprächspartner*in gegenüber und ich möchte ja auch nicht so behandelt werden. Ich halte es schon seit meinem ersten Mobiltelefon so, dass die Kommunikation bei mir reinpassen muss. Erst dann kommt der Wunsch der anderen. Schwierig finde ich noch gesprochene Nachrichten per Messenger. Machst Du das auch?

Never ever. Ich kenne Menschen, die ich sehr schätze, die Sprachnachrichten nutzen, und das konsequent – da nehme ich dann hin, sehe aber die Nachteile. Stichwort Durchsuchbarkeit und Überblick. Gerade in komplexeren Projekten wird es echt schwierig, wenn Briefings und Wünsche per Sprachnachricht eintrudeln. Da hätte ich gern längst eine Transkribier-Funktion wie bei Google Voice oder Sipgate, damit ich die Inhalte später durchsuchen kann. Nur: Diese Algorithmen sind noch viel zu schlecht, nicht wirklich nutzbar. Was mich zu der Frage bringt: Gibt’s etwas, das unsere Smartphones und Rechner nicht können, das du dir dringend wünschen würdest? Ernsthaft? Vielleicht kreieren wir hier ja gleich eine wunderbare, innovative Anwendung!

Also gleich nach Kaffeekochen wäre so ein guter Transkriptionsdienst schon eine super Sache. Und sonst? Ich muss wirklich gerade sehr grübeln und doch fällt mir nichts Kluges dazu ein. So geht es uns oft. Wir können uns gar nicht vorstellen, was wir dringend haben möchten. Es ist ja mit Smartphones heute immer noch so. Wie oft erkläre ich jemandem eine App oder eine Funktion und schaue dabei in staunende Gesichter. “Das ist ja einfach. Wenn ich das vorher gewusst hätte.” Wenn es vor uns liegt, merken wir, was uns gefehlt hat. Vielleicht werden wir in der Zukunft unsere Implantate sehr schätzen, obwohl es uns heute noch ein wenig gruselt vor der Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten. Ich würde mir sofort einen Chip einsetzen lassen, wenn ich dann wieder wie früher gucken könnte. Was wäre Deine Verbesserung durch Technik?

Weißer Roboter-Arm
Oh ja! Das ist echt gruselig. Aktuell gibt es auch wieder neue Forschungen im Bereich der menschlichen Alterung, die man irgendwann womöglich aufhalten kann. Jede Form der “Human Augmentation”, die Gartner ja schon vor Jahren in ihren Hypecycle aufgenommen haben, birgt Gefahren. Denn die Frage ist dann immer: Wer profitiert davon, wer nicht – und warum. Da stehen dann extrem kritische Ethik-Fragen im Raum. Oder sehe ich da zu schwarz? Brillen und Kontaktlinsen haben die Welt ja auch nicht ins Chaos gestürzt?

Du sagst es ja schon selbst. Wenn man eine Funktion oder Hilfe implantiert, wird sie dadurch nicht schlecht. Es ist eine andere Form. Die Ethik-Fragen stellen sich ja immer, auch heute schon mit Medikamenten und Hilfsmitteln. Dort, wo es nicht mehr um die Behebung oder Linderung eines “Defekts” geht, sondern darum, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern, um erfolgreicher als andere zu sein, erreichen wir in meinen Augen eine Grenze. Hier geht es nicht mehr um Hilfe, Linderung oder Heilung, sondern nur noch um das eigene Ego. Man sagt ja gern, dass alles, was sich digitalisieren lässt auch digitalisiert wird. Der menschliche Körper also vielleicht auch. Das wird einen spannende und erschreckende Entwicklung sein, die da gerade beginnt. Um mich herum habe ich bereits fast alles digitalisiert. Insbesondere habe ich, bis auf fünf Stück, alle meine gedruckten Bücher verschenkt. Jetzt habe ich wieder so viel Platz und bin in Bezug auf Dinge wieder ein wenig leichter geworden. Hast Du noch eine Bücherwand?

Nein, ich gehöre auch zu den Minimalisten. Früher war ich übrigens Dauergast in Büchereien. Das war sozusagen meine Form der Flatrate. Ich verlasse mich schon ziemlich auf digitale Assets, auf die Cloud, auf die jederzeitige Verfügbarkeit von Informationen – so ein Blackout im Stromnetz wäre da allerdings nicht so lustig. Allein: Das Leben ist voller Risiken, damit lebe ich dann. Und – vielleicht auch um langsam zum Schluss zu kommen – letztlich finde ich: Die Debatte über Cloud, Fortschritt in der IT und Internet als Infrastruktur ist mir hierzulande viel zu pessimistisch. Ganz so rosarot wie die Macher im Silicon Valley sollte man das alles auch nicht sehen – aber ein Mittelweg wäre gut. Etwas mehr Technologie-Affinität in der Gesellschaft. Das wäre mein Wunsch an die künftige Entwicklung. Und deiner, Heike?

Da stimme ich Dir voll und ganz zu. Etwas mehr die Chancen und Möglichkeiten zu sehen, ohne die Risiken vollständig auszublenden. Mehr Neugierde und Begeisterung, mehr Tun und weniger Lamentieren. Tun ist eben wie wollen, nur krasser!

Hab vielen Dank für deine Gedanken und deine Zeit!

Eine Benachrichtigung beim nächsten Blogartikel, der hier erscheint, einfach per E-Mail bekommen?